Ich fühle mich gerade ziemlich unsicher und im Scham. Die Anstrengungen, die mein Nebenjob in mir auslöst, bringen mich ins Zweifeln. „Du solltest den Nebenjob einfach machen können und danach vergessen, was du darin erlebst. Lass dich nicht so von ihm runterziehen. Du hast Aufgaben zu tun. Rappel dich auf.“ Diese Gedanken lösen so viel Druck aus und so viel Sehnsucht nach Erleichterung, Geborgenheit und Halt.
Ich bin auch verwirrt und unklar. „Woran liegt es, dass ich immer wieder an diesen Punkt komme, soviel Angst zu haben zu kurz zu kommen, nicht überleben zu können. Anstatt einfach meine freiberufliche Arbeit zu geben, sie zu machen und zu vertrauen, dass für mich finanziell gesorgt wird.“ Auch diese Gedanken lösen Druck aus, ich sehne mich nach einen ruhigen Ort in mir, an dem ich Ok bin, so wie ich bin. An dem ich angenommen bin,  mich friedlich fühlen kann.
Im Halbschlaf, noch aufgewühlt von den Gedanken, mache ich meine Wertschätzungsübung (ursprünglich von Katharina Ossko). Ich stelle mir dabei vor, was jemand gesagt oder getan hat, das mir ein Bedürfnis erfüllt hat und auf mich die Wirkung eines Geschenks hatte. Ich denke diesmal an die Natur, in der Nähe der Wohnung meiner Mutter. Ich stelle mir vor, wie ich mitten im hohen, ungemähten Gras sitze. Wie die Sonne auf mich scheint und rund um mich nur eine weite Wiese zu sehen ist. Der Himmel über mir ist leuchtend blau und die Bewegung der Wolken ist fast nicht erkennbar. Ich erinnere mich daran, wie ich da sitze und wie rund um mich kleine Käfer krabbeln. Die Symmetrien, die Formen und Farben der Blumenblüten und Stängel, die ich mit meinem Blick verfolge. Und ich fühle bei dieser Vorstellung, wie erleichtert ich bin, dort zu sitzen. Wie dankbar und wie viel Druck abfällt. Und wie erstaunt ich dabei bin mich zuhause zu fühlen. Und zuhause im Sinne von „zugehörig“. Wie ich wieder diese Erfahrung mache, dass mir gewisse Orte ein Gefühl von angenommen sein vermitteln können, so wie die warme Hand oder das bestätigende Wort einer Freundin oder eines Freundes. Und ich schlafe ein.
Nun leite ich morgen einen Workshop über Gewaltfreie Kommunikation und Hochsensibilität am GFK- Tag Leipzig. Wenn ich momenteweise so eingeschlossen bin in mir, verunsichert, demotiviert und abgetrennt von der Fähigkeit zu geben, ist es schwer mir gerade vorzustellen, dass ich morgen geöffnet dastehen werde. Mit meiner Kraft, Kompetenz und Fähigkeit verbunden, zu den Bedürfnissen der Menschen nach Lernen und Weiterentwicklung beitragend. Doch wie ich aus Erfahrung weiß, wird es so sein. Eine größere Kraft als ich selbst wird mich wieder aufrichten und ich werde tun, was sinnstiftend ist. Wie in den folgenden Tagen auch. Ich finde es erstaunlich, wie viel Tiefe eine menschliche Seele hat. In einem Moment können wir so klein und verletzlich sein und im anderen Moment voller Verantwortung und Kraft. Wie dynamisch und vielschichtig!